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Mobilfunk als Energie- und Ressourcenfresser
(Korrigiert/ergänzt durch aktuelle Informationen des Betreibers Vodafone im Rahmen einer Mobilfunktagung am 24. Juni 2009 in Bad Boll)
Mobilfunknetze und der Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur in den Haushalten verschlingen zunehmend kostbare Energie. Besonders deutlich wird dies bei der Infrastruktur für die Mobilfunknetze. Bei der durchschnittlichen Leistungsaufnahme von 1,4 bis 2 kW für eine Basisstation des Mobilfunks (vorrangig für die aufwändige Klimatisierung der Anlagen) ergeben sich für Deutschland hochgerechnete Verbrauchswerte in Höhe von 4 – 5 Milliarden Kilowattstunden Strombedarf pro Jahr.
Zum Vergleich: Das ist Hälfte der Stromproduktion vom AKW Biblis A. Oder: Weit mehr als der gesamte Beitrag der Solarstromproduktion in Deutschland (2007: 3,07 Milliarden kWh) wird von den Mobilfunknetzen konsumiert. (Nach Aussage von Vodafone verbrauchen die neuen Anlagen durchschnittlich "nur noch" 1 kW pro Anlage mit jeweils 3 Sektorenantennen.)
Auf Herrenberg umgerechnet bedeutet dies, dass die zurzeit 37 Mobilfunksendeanlagen (mit jeweils 3 Sektorenantennen) welche auf den 17 Senderstandorten auf dem Gemeindegebiet installierten sind, im Jahr zwischen 325.000 kWh (bei 1kW/Anl.) und 454.000 kWh (bei 1,4kW/Anl.) Strom verbrauchen.
2008 betrug der Energieertrag aus dem Betrieb der „Herrenberger Sonnendächer“ 241.700 kWh. Die installierte Leistung an Photovoltaik auf städtischen Dächern müsste also im schlechtesten Fall verdoppelt werden, um allein den Mehrverbrauch aus dem Betrieb der stationären Mobilfunksendeanlagen zu kompensieren. (Aber in der Gesamtheit sieht es in Herrenberg nicht ganz so düster aus, da es ja auch private Photovoltaikanlagen gibt. Zusammen wurden in 2008 knapp über 2 Millionen kWh Solarstrom auf Herrenberger Dächern erzeugt.)
Ein wichtiger Ansatz, der nicht nur den Stromverbrauch massiv senken sondern, quasi als Abfallprodukt, auch noch die Strahlenbelastung für die gesamte Bevölkerung reduzieren würde, wäre die Anwendung des so genannten „Roaming“(1). Zurzeit betreibt jeder der vier Mobilfunkanbieter sein eigenes Netz mit eigenen Anlagen, eigenen Signalisierungskanälen und damit einer eigenen Grundlast. Hinzu kommt, dass jeder Anbieter alle drei vom Staat lizenzierten Dienste anbieten kann (GSM900, GSM1800, UMTS). Faktisch gibt es zur Zeit 8 parallel betriebene Netze (hinzu kommt noch das separate GSM900 Netz der Bahn).
Wie beim Autoverkehr oder beim Strom bedarf es aber nur einer Autobahn nach Stuttgart und eines Stromkabels ins Haus.
Kein Politiker käme auf die Idee dies anders zu handhaben.
Beim Mobilfunk hingegen werden die mehrfach Belastungen für die Umwelt und die Gesundheit des Menschen aber hingenommen, die Verschandelung der Städte und des Landschaftsbildes durch eine technisch überflüssige Mehrfachausstattung inklusive. Und der Staat sieht sich anscheinend außerstande hier regulierend einzugreifen(2). Wohin die Exzesse deregulierter Märkte uns führen, erleben wir ja gerade überdeutlich auf einem anderen Gebiet.
Es ist aber zu erwarten, dass insbesondere bei den klassischen Mobilfunknetzen zukünftig die Energiekosten die akzeptablen Grenzen überschreiten. Die Energieaufwendungen machen bei den Kosten mittlerweile den drittgrößten Posten aus. Die zunehmende Verbreitung mobiler Dienste wird diese Entwicklung voraussichtlich noch erheblich verschärfen. Der Stromverbrauch der weltweiten Mobilfunknetze soll bis zum Jahr 2011 mit 124 Milliarden Kilowattstunden auf etwa das Dreifache steigen(3). Schon aus Sicht des zu erwartenden Klima-Desasters wird daher dringend über eine andere Versorgungsstruktur nachgedacht werden müssen.
Aus der Perspektive der Ökobilanz wiederum zeigt sich(4), dass bisher alle Effizienzsteigerungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie durch Rückwirkungen aufgehoben wurden: Die Minderung des Materialverbrauchs pro Einheit wurde durch die steigende Anzahl von Einheiten wieder ‚kompensiert’. Hinzu kommt, dass überholte technische Einrichtungen und Geräte oft in weniger entwickelte Länder zum weiteren Gebrauch exportiert werden und zur Fortsetzung der negativen Bilanz führen. Ein möglicher Fortschritt beim Energieverbrauch wird dadurch relativiert. Der schnelle Produktwechsel und die Angebotsvielfalt nicht kompatibler Komponenten (z.B. bei Akkus und Netzteilen) erzeugen eine steigende Menge an überflüssigem Elektronikschrott.
Bei uns gelangt dieser Schrott meist in Müllverbrennungsanlagen, deren Filter die enthaltenen Giftstoffe (u.a. Arsen, Blei, Quecksilber, Flammschutzmittel …) nur bedingt zurückhalten und zusätzlich ganz neue Gifte im Verbrennungsprozess entstehen lassen die von keiner Regulierung erfasst werden. Im Jahr 2005 wurden, nach Berechnungen der Universität Rostock, in Europa 100 Mio., in den USA 130 Mio. Handys „entsorgt“(5).
Auch auf kommunaler Ebene ist es dringend nötig, durch Aufklärung und aktives politisches Handeln dem Wildwuchs einer enthemmten neoliberalen Gesellschaftsgestaltung Einhalt zu gebieten, die den Profit für wichtiger erachtet als den Einsatz des Verstandes. Immer mehr, immer schneller und jeder darf alles.
Herrenberg braucht ein Mobilfunkkonzept – nicht nur zur Gesundheitsvorsorge für Mensch, Tier und Umwelt, sondern auch zum Energiesparen und zur Wahrung eines erträglichen Stadt- und Landschaftsbildes.
igm, 14.07.2009 (überarbeitet)
1 „Roaming“ ermöglicht das jeder Nutzer überall telefonieren kann, unabhängig davon wer vor Ort das Netz betreibt. Die Kosten für das Netz verrechnen die Betreiber untereinander.
2 http://www.pt-it.pt-dlr.de/de/1022.php Auch nach Abschluss von der Bundesstudie „Miniwatt“ wird Roaming eher reduziert als ausgebaut, wie auch der Aufbau der eignen Netzinfrastruktur des Betreibers O² bundesweit zeigt.
3 http://www.dsl-review.de/dsl/archives/302/mobilfunk-ist-einenergiefresser aufgerufen am 05.10.07; Die Zahlen stammen vom Marktforschungsunternehmen Abi Research direkte Quelle: www.abiresearch.com/abiprdisplay.jsp?pressid=791, Titel: WiMAX and Metro Wi-Fi Are More Energy-Efficient than Cellular for Mobile Broadband vom 11.1.2007
Siehe auch: Fraunhofer-IuK-Abschlussbericht "Der Einfluss moderner Gerätegenerationen der Informations- und Kommunikationstechnik auf den Energieverbrauch in Deutschland bis zum Jahr 2010" Projektnummer 28/01, http://www.isi.fhg.de/e/publikation/iuk/iuk.htm
Abschlussbericht an das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, Seite 175 -178
4 http://de.internet.com/index.php?id=2049380§ion=Mobile, aufgerufen am 09.05.2007
5 Uni-Rostock, Winteruni 2006: Leben und Kommunikation – mobil!
http://tb-uni-rostock.de/tiki/tiki-download_file.php?fileId=22




